Ausgabe 14 · August 2026
Rubrik Legal-Tech
Das System hinter Simplyright. Eine Analyse der Lücke zwischen Schlagzeile und Fließtext.
Zum Befund
Worum es geht
Eine Analyse von Mira Falk. Meinung, kein Mandat.
Legal-Tech verkauft ein Gefühl: Du bist nicht mehr allein. Ein Chat, eine KI, ein Brief, und das Problem ist weg. Ich habe mir angesehen, was auf der Website von Simplyright wirklich zugesagt wird.
WeiterlesenEs ist kein Betrug. Es ist etwas Unauffälligeres. Eine Erzählung, die oben groß Erlösung verspricht und unten klein Orientierung liefert. Wer beides liest, wird nicht enttäuscht. Wer nur die Überschrift liest, schon.
Was oben steht
„Wir kümmern uns um deine rechtlichen Probleme: von der ersten Analyse bis zur vollständigen Durchsetzung.“
Was unten steht
„KI-gestützte Orientierungshilfe. Keine Rechtsberatung im Sinne des RDG.“
Die Mechanik
Pipeline statt Anwalt
Text rein, Kategorie erkennen, Vorlage ziehen, Frist setzen, Brief raus, Erinnerung nach X Tagen. Das ist nichts Schlechtes, aber es ist etwas anderes als eine Vertretung.
Für standardisierte Fälle: Abo kündigen, Entschädigung nach Flugverspätung, Widerspruch gegen eine offensichtlich unberechtigte Mahnung, ist das oft schneller und disziplinierter als ein Mensch, der es abends zwischen zwei Serien erledigen will.
Das Problem beginnt dort, wo ein Fall nicht in die Kategorie passt. Ein Sachverhalt mit drei Beteiligten, ein Vertrag mit einer ungewöhnlichen Klausel, ein Gegner, der einfach nicht antwortet. Und wenn falsch einsortiert wird, kommt trotzdem ein Brief heraus, nur eben der falsche.
Deshalb ist die zentrale Frage nicht: Wie gut ist die KI? Sondern: Was passiert im System, wenn die Automatisierung endet?
Kategorisierung
Der Fall landet in einer Schublade, die nicht ganz passt.
Eskalation
Automatische Follow-ups erhöhen die Zahl der Briefe, nicht den Druck.
Zuständigkeit
„Anwaltliche Unterstützung bei Bedarf“ definiert den Bedarf nicht.
Erwartung
„Durchsetzung“ klingt nach Geld. „Orientierungshilfe“ heißt PDF.
Quote
Eine Erfolgsquote steht nirgends. Nur die Summen.
Die Zahlen
15.000+
Plus-Kunden
50 Mio. €+
„zurückgeholt“
100.000+
Fälle
4,6 / 5
aus 1.400+ Bewertungen
Auf der Seite laufen Live-Meldungen durch: „Julia aus Hamburg: Mieterhöhung gestoppt +1.526 € • vor 6 Min.“ Dazu große Kennzahlen, große Summen, viele Sterne.
Bemerkenswert ist, was direkt daneben steht: Der prominente Erfolgsfall über 1.200 € ist ausdrücklich als „Beispielfall, anonymisiert“ und „Muster“ gekennzeichnet. Ein illustratives Beispiel, kein einzelner geprüfter Kundenbericht.
Was fehlt
Eine Erfolgsquote. Ein Ticker aus Erfolgen erzeugt das Gefühl von Wahrscheinlichkeit. Er sagt nichts über die Fälle, die nicht durchgingen.
„Ein Versprechen wird nicht dadurch falsch, dass es groß ist. Es wird problematisch, wenn die Bedingung dafür kleiner gedruckt ist als das Versprechen selbst.“
Das Geschäftsmodell
Der eigentliche Punkt ist ein struktureller. Rechtliche Probleme sind selten. Ein Abo ist monatlich. Ein Anbieter, der Abofallen erkennt und Kündigungen automatisiert, verkauft selbst ein wiederkehrendes Abo mit Testphase und Laufzeitvariante.
Das ist kein Widerspruch, aber es ist eine Ironie, die man beim Klicken auf „14 Tage gratis testen“ mitdenken darf. Und es markiert die Grenze zwischen „wir erklären dir deine Lage“ und „wir handeln für dich“.
Preisarchitektur
Plus 34,99 €/Monat („= 1,17 € pro Tag“). Premium 49,99 € bei 12 Monaten Laufzeit, bei laut Anbieter identischer Leistung.
Gratis-Tarif
Unbegrenzte KI-Analysen, aber drei Schreiben pro Monat. Die Analyse ist billig, der Versand ist das Produkt.
Checkliste
Fazit
Simplyright ist kein Schwindel. Es ist ein gut verpackter Automatisierungsdienst, der in der Kommunikation gelegentlich so tut, als würde er mehr übernehmen, als er rechtlich darf. Wer das weiß, kann ihn sinnvoll nutzen.
Mein Fazit: Die KI kann helfen, einen Brief zu sortieren, eine Frist zu setzen, eine Sprache zu finden. Sie kann aber nicht die Verantwortung für einen Rechtsfall übernehmen. Und solange ein Anbieter das visuell anders suggeriert, lohnt es sich, genau hinzusehen.
Das ist der Job dieser Zeitung. Nicht dagegenzuschreien. Sondern die Stellen zu markieren, an denen die Schrift kleiner wird.